Irrtümer im Erbrecht – meistens doch anders

In der erbrechtlichen Beratungspraxis eines Rechtsanwalts oder Notars kommen oft (sinngemäß) die nachfolgenden Sätze – oder zumindest ähnlich falsche Vorstellungen vom deutschen Erbrecht. Wer darauf setzt, dass er die komplizierten erbrechtlichen Zusammenhänge, die auch sehr stark von der familiären Zusammensetzung und persönlichen Umständen – beispielsweise der Vereinbarung eines Ehevertrags – abhängen, der riskiert zumindest, dass seine Vorstellungen nachher in der Praxis nicht umgesetzt werden (können). Hier eine kleine Auswahl:

„Ich lass mir mein Erbe ausbezahlen“ – so etwas gibt es nicht! Zwar können die späteren Erblasser freiwillig eine schenkweise Zuwendung zu Lebzeiten vornehmen, die auf das spätere Erbe ganz oder teilweise anzurechnen ist. Oft geht damit aber auch ein Verzicht auf Erbteil und Pflichtteil einher. Einen Anspruch darauf haben mögliche Erben aber nicht und schon gar nicht auf bestimmte Nachlassgegenstände, wie etwa Immobilien.

 

„Wenn ich sterbe gehört doch eh alles meiner Frau – oder zumindest die Hälfte“ – ohne Testament auf keinen Fall. Ohne Testament gilt die gesetzliche Erbfolge, in der der Ehepartner nie alles alleine erbt. Außerdem gilt bei mehreren Erben, wie zum Beispiel in der gesetzlichen Erbfolge, dass immer eine Erbengemeinschaft entsteht, die alles gemeinschaftlich erbt. An dieser Erbengemeinschaft haben alle Miterben eine Beteiligung, d. h. eine bestimmte Quote. Die Erbengemeinschaft kann nur einstimmig handeln, so dass es nicht selten dazu kommt, dass ein Erbe die Versteigerung des Nachlasses zur Aufteilung der Erbschaft beantragt.

 

„Ich hab´ doch nichts zu vererben“ – falsch! Beim Erbfall werden nicht einfach nur Vermögen und Schulden zu den Erben verschoben, wie es sich die meisten vorstellen. Vielmehr wird die verstorbene Person ersetzt durch die Erben(gemeinschaft), die sich auch um Angelegenheiten wie die Beerdigung und Haushaltsauflösung zu kümmern hat. Wer verantwortlich sein soll, sollte daher genau bedacht werden, auch wenn der Nachlass nicht aus großen Reichtümern besteht.

 

„Ich will nicht, dass so viel Erbschaftssteuer anfällt“ – eine meist unbegründete Sorge! Die Schenkungs- und Erbschaftssteuerfreibeträge, d. h. Beträge, die man steuerfrei erben kann, sind durchaus großzügig bemessen, je nachdem, wie nah man mit dem Erblasser verwandt war. So können beispielsweise Ehepartner steuerfrei bis zu 500.000 Euro erben, Kindern immerhin 400.000 Euro. Allerdings können nichtverheiratete Partner nur auf einen kleinen Freibetrag von 20.000 Euro bauen, während alles darüber hinaus mit bis zum 30 Prozent zu versteuern sein kann. Eine genaue Prüfung lohnt sich also, da durch geschickte frühzeitige Verfügungen Freibeträge mehrfach genutzt werden können.

 

„Bei mir ist nur das Haus zu vererben“ – sollen einer Person einzelne Vermögensgegenstände zukommen, so spricht das Gesetz nicht vom Erben, sondern von einem Vermächtnis. Die Wortwahl ist also wichtig. Dass ein Erblasser ausschließlich eine Immobilie sein Eigen nennt, ist unwahrscheinlich. Schließlich gibt es auch noch den Hausrat, oftmals Fahrzeuge, Versicherungen, laufende Verträge usw. Bei einem Erbfall erfolgt schließlich lediglich der Austausch der Person, d. h. die Erben treten universell an die Stelle des Erblassers in alle Rechte und Pflichten ein. Kein Testament ist also auch keine Lösung und Rat vom Fachmann angezeigt!

 

Rechtsanwalt und Notar

Andreas Rickert

Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht

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